Bordesholm: Hinterm Haus VIII
Ein wenig war ich schon nervös und ich gebe zu, dass meine Finger nicht vor Kälte zitterten und der Flugwind war auch nicht unbedingt Schuld an den Salzperlen, die nun gemächlich meine Wangen runtertropften und relativ unelegant auf’s Briefpapier fielen.
Vorsichtig drehte ich das Pergament noch einmal umher. Es hatte keinen Zweck, ich musste ihn noch einmal lesen.
Liebe Lucie Ver,
sicher wirst du dich wundern, dass dieser Brief an dich gerichtet ist. Doch lass mich erklären:
Die Legende um das Goldene Licht hat man dir erzählt. Du weißt, dass du eine wichtige Rolle für das Volk der Grünlinge spielst, auch die Goldkäfer sind an deinem Lichtfänger interessiert. Dein Lichtfänger ist sehr handlich und mit allerlei Zaubereien ausgestattet und wir haben keine Zweifel daran, dass du deine Aufganbe erfolgreich und ohne Komplikationen erfüllen wirst.
Nicht Tinkerbell ließ mich wissen, dass sie dir einen kurzen Blick auf ihr Äußeres gewährte und sie sehr froh darüber war, dass du nicht vor Schreck weg gelaufen bist.
Sie freut sich sehr, dass sie dich begleiten durfte und so an ihrer Rettung teilhaben darf.
Ja - Nicht Tinkerbell ist meine entführte Tochter.
Doch das allein reichte den Goldkäfern nicht. Sie wollen unser Volk unterdrücken und uns in die Skalverei zwingen. Unter unelfischen Bedingungen sollen wir für sie Löwenzähne zähmen, damit diese gemolken werden. Dazu musst du wissen, Löwenzahnmilch ist Lebenselixier der Goldkäfer und ohne diese Substanz würden sie aussterben. Sicher fragst du nun, warum sie das nicht selbst machen - tja, das liegt an ihrer umfangreichen Gier nach mehr und mehr.
Wir Grünlinge hatten Jahrzausende erbitterter Kämpfe gegen die Goldkäfer bestritten, doch vor rund zweihundert Jahren hatten sie meine Tochter gefangen genommen.
Den Rest kennst du, liebe Lucie Ver.
Und wenn du dich fragst, warum Nicht Tinkerbell dich aussuchte, so kann ich meine Tochter sehr gut verstehen. Wer so selbstlos einem unsichtbaren Wesen hilft, der trägt ein goldenes Herz in sich.
Herzlichst
Isa Bell
“Nicht Tinkerbell?”, rief ich.
“Ja, Lucie Ver?”
“Warst du das neben der Hummel?”
“War ich was neben der Hummel?”
“Im Rapsfeld?”
“Ähm … und sag’ jetzt nicht, ich sei hässlich!”, keifte der Günling.
“Nein, das tue ich nicht.”
“Dann ist ja gut!”
“Wie lange brauchen wir noch?”
“Georg meint, dass wir in wenigen Minuten zum Landeflug ansetzt.”
Und so war es auch. Keine vier Minuten später holperte und stolperte mein Transpoter übers Feld und ich wunderte mich, dass ich bei der Landeaktion nicht aus dem Sattel flog und Hals über Kopf im Wasser landete. Nun wenige Zentimeter vom Ufer des verwunschenen Sees entfernt, kam der Vogel zum stehen.
Und wieder macht es PLING ZISCH PLONG und das Weizenfeld um mich herum wurde immer kleiner und ich immer größer. Dann sah ich es vor mir.
Majestätisch breitete es sich mit weiten Zügen über den Baumkrone aus und begann seine Farben einletztes mal leuchten zu lassen.
“Wir müssen uns beeilen!”, schrie mich Nicht Tinkerbell an und dieser verfluchte Pikser im rechten Oberarm war heftiger den je.
“Eines verspreche ich dir! Wenn du wieder frei bist, dann piks ich zurück!”
“LOS! LOS! LOS! Du dummes Menschenkind! Das goldene Licht verschwindet!”, jammernd, flehend, bettelnd und letzendlich doch keifend und schreibend.
“Nur mit der Ruhe!”
“Wir haben keine Zeit!” Und wieder ein fieses Piksen; diesmal mitten auf die Nase.
“Geh mir aus der Sicht!”, keifte ich diesmal zurück. “Was muss ich eigentlichmachen?”, fragte ich Nicht Tinkerbell etwas irritiert. “Ich dachte immer, du bist der Lichtfänger.”
“Nimm deinen Zauberkasten und mach das was du immer machst.”
“Meinen Zauberkasten? Du meinst meine Kamera?”
“JA! Nun mach schon!”
“Nun denn!”, sagte ich seufzend und nahm meine Kamera zur Hand, blickte mich um, schaltete meinen Zauberkasten ein, dachte kurz nach und ging in die Hocke. Unsere Transporter schnatterten und watschelten aufgeregt am Ufer entlang.
“Die fliegen jetzt aber nicht los?!”, bemerkte ich und drückte den Auslöser.
Die Feierlichkeiten waren bereits seit Tagen im vollen Gange, als ich zum x-ten Male versuchte mich davon zu schleichen. Ich wollte endlich wieder in meinen Garten und nach Hause. Dieses Abenteuer werde ich so schnell nicht vergessen und Nicht Tinkerbell und Isa Bell hatten mir versprochen, dass sie mich sehr schnell nach Hause bringen würden.
Sehr schnell scheint bei den Grünlingen eine andere Dimension zu haben, dachte ich mir als der Hochmarschall seinen Zeremonienstab dreimal auf den Palastboden klopfte.
Alles wurde muksmäuschenstill. Die Grünlinge verbeugten sich und ein wunderschönes junges Grünlingwesen schwebte in den mit Kerzen erleuchteten Spiegelsaal.
Plötzlich rief eine Stimme: “Hoch lebe Nicht Tinkerbell!” Und die Anwesenden stimmten mit ein: “Hoch lebe Grünling! Hoch lebe Isa Bell!”
Nicht Tinkerbell hob ihren kleinen grünen Flügel und alles schwieg.
“Es ist an der Zeit, dass Lucie Ver ihre Überraschung erhält.”
Applaus toste auf.
“Meine liebe Freundin Lucie Ver. Dein lebenlang habe ich dich behütet und auf diesen Augenblick gewartet. Nun endlich, nach dem ich wieder das bin, was ich einst war - die Lichtbringerin meines Volkes - kann ich dir deinen sehnlichsten Wunsch erfüllen. Schließe deine Augen …”
PLING! ZISCH! PLONG!
Als ich meine Augen öffnete, sah ich, dass ich wieder in meinem Garten stand. So als hätte ich ihn nie verlassen und ein Singsang wisperte mir zu: “Danke, Lucie Ver.”
“Werden wir uns wiedersehen?”
“Wenn du mich brauchst.”
FIN





