Die junge Liebe zwischen meiner Schwägerin und ihrem Schippschwager währte nur zwei Jahre. Die Hochzeit wurde in Marokko vor dem Imam und dem Standesamt registriert und unterschrieben. Doch nach alten Traditionen musste die Hochzeit drei Tage gefeiert und später in der Nacht vollzogen werden, solange waren sie nur miteinander verlobt. Bis dies geschah, sollte Mohamed in Deutschland alles herrichten und Najet in Marokko ihr Brautkleid nähen. Mohamed reiste nach Holland, dort wohnte der Bruder seiner Braut, ihn wollte er kennen lernen und an diesem Tag nahm das Schicksal, das Kismet, seinen Lauf.

Es klingelte an der Tür. Ich hatte die Angewohnheit, immer erst aus dem Fenster zu schauen bevor ich die Tür öffnete, und so ging ich ins Schlafzimmer und schaute nach unten. Das erste, was mir auffiel, war ein grauer Opel mit Dortmunder Kennzeichen. Nichts merkwürdiges denken sie, doch in Rotterdam wirkt ein deutsches Fahrzeug etwas seltsam. Dann erblickte ich einen jungen Mann. Die Statur fiel mir gleich auf, er war schlank, sehr gut gekleidet, schwarze lockige lange Haare und seine Augen waren dunkel. Ein Adrenalinstoß schoss durch meinen Körper und ich musste erst mal schlucken.
„Ja?“, rief ich nach unten.
„Salih.“, kam als Antwort mir entgegen und ich dachte, >Einer der kein Deutsch kann.<, drehte mich um und rief meinen Mann.
„Wer ist das?“
„Keine Ahnung, er sagte nur Salih.“
Mein Mann erschien am Fenster und sprach in seiner Muttersprache – Berbers. Eine alte marokkanische Sprache, die leider nur noch von ehemaligen Nomaden gesprochen wird. Erstaunlicherweise sprach mein Mann mehrere Sprachen, darunter deutsch, französisch, portugiesisch, spanisch, arabisch und etwas holländisch. Als er nach einigen Minuten fertig war, kam er aufgeregt wieder ins Wohnzimmer zurück und ging in den Flur hinaus, drückte den Türsummer und rief eine Begrüßungsfloskel in berbers. Aus Neugier ging ich mit in den Flur und fragte mehrmals was los sei, doch mein Mann gab mir keine Antwort. Und dann sah ich ihn. Ein Mann wie ich dachte, dass er nur in der Erzählung von „Scheherazade“ lebte. Denn nun sah ich in ein weißes, feines, sensibles und liebenswertes Gesicht. Lustige braune Augen leuchteten mir entgegen und mein Mann umarmte diesen Mann wie einen alten Freund. Küsschen rechts, Küsschen links, nach dem Befinden gefragt und dabei ins Wohnzimmer schwankend.
Noch bevor mein Mann mich darum bat, ging ich in die kleine Küche und machte Kaffee, stellte Milch und Zucker auf den Wohnzimmertisch, holte das teure Kaffeeservice heraus und deckte den Tisch ein. Stillschweigend verfolgten mich die Blicke des Mannes, von dem ich noch immer nicht wusste, wer oder was er war. Auch wenn ich als Europäerin mit einem Marokkaner verheiratet war beugte ich mich nicht und ließ mir nichts sagen. Doch ich respektierte vieles aus der alten Kultur. Dinge die mir einleuchteten, mit denen ich konform war. Was ich nicht respektierte war die strenge Geschlechtertrennung. In meinem Haus gab es das nicht, es sei denn, ein älteres Pärchen wie Tante und Onkel, Schwiegereltern, Oma und Opa, doch bei jungen Leuten sah ich nicht ein, mich in meiner persönlichen Freiheit einengen zu lassen. Das war genau der Grund, weshalb ich nach Einschenken des Kaffees, ebenfalls am Wohnzimmertisch Platz nahm.
Konzentriert und interessiert hörte ich dem Gespräch zu. Ich versuchte ein paar Worte aufzuschnappen und mir meinen Reim zu machen. Anhand der einen oder anderen Gestik konnte ich feststellen, dass beide sich kannten, aber das hatte nichts zu sagen im Islam. Da kennt man jeden, der mit einem Familienmitglied verwandt oder bekannt ist, und man nimmt ihn auf, als sei es der Bruder. Und so schaute ich beiden Männer abwechselnd ins Gesicht und trank meinen Kaffee.
Schließlich wollte ich doch wissen um was es ging und so fragte ich leise meinen Mann:
„Wer ist das?“
„Oh, sie sprechen deutsch?!“, hörte ich in einem akzentfreien Deutsch den jungen Mann erstaunt sagen.
„Ja, warum nicht?“, gab ich lächelnd zurück.
„Entschuldigung, mein Name ist Mohamed. Ich bin der Bruder von Saida.“
„Saida, die Frau von Khalid; meinem Bruder.“, fügte mein Mann erklärend hinzu.
„Oh ja, sie sind mit Najet verlobt.“, sagte ich feststellend.
„Wir haben letzte Woche in Marokko geheiratet.“, sagte Mohamed und errötete. Was ich allerdings nicht nachvollziehen konnte war die Tatsache, dass er nun hier ist und was es hier wollte.
„Mohamed hat mir ein paar Dinge aus Marokko mitgebracht. Von der Familie.“, sagte Salih.
„Das ist aber nett. Wie geht es Mama und Papa?“, wollte ich wissen. Ich machte mir immer etwas Sorgen, denn Mutter hatte einen schweren Schlaganfall erlitten und Vater litt an einer Staublunge. Vater arbeitete mehr als zwanzig Jahre in Spanien im Tagebau, daher auch die Krankheit aber die Rente aus Spanien reicht nicht für alle Medizin.
„Ja danke, es geht den Umständen entsprechend gut. Sie haben beide neue Medikamente vom Arzt bekommen. Wir waren mit beiden in Fes gewesen, bei einem Spezialisten.“, erzählte mir Mohamed. Eigentlich hörte ich kaum hin was er erzählte, ich sah nur noch diesen feinen, zarten, schmalen Mund mit seinen dünnen Lippen – die von mir geküsst werden wollten. Und da war es um mich geschehen, ich hatte mich in meinen Schwager verliebt. Ich würde für ihn sterben. So dachte ich und ich wusste, das ich Selbstmord begehen würde, wenn nur irgendeiner der Familie meine Gefühle erkennen würde. Also versuchte ich zu schweigen und mich so wenig wie möglich mit Mohamed zu unterhalten.
Wieder ergriff Salih das Wort, beide standen auf und gingen zur Haustür.
„Wo geht ihr hin?“, wollte ich wissen und räumte dabei den Wohnzimmertisch auf.
„Nur ans Auto, die Sachen holen.“, antwortete Mohamed. Eigentlich dachte ich, dass mein Mann mir antworten würde, doch er schwieg.
An diesen Abend wurde noch viel erzählt und viel gelacht. Mohamed hatte auch für mich einiges mitgebracht. Meine Schwiegereltern hatten mir ein Gandora machen lassen, dazu die passende Schuhe und ein paar goldene Ohrringe. Meinem Mann zuliebe zog ich das traditionelle Kleid an. Es war wunderschön, ein Traum aus reiner Seide und zarten Stickereien. Die goldenen Schuhe passten und ich war erstaunt, als ich mich im Spiegel betrachtete. Da stand eine europäische Frau in einem langen, schwarzen arabischen Kleid mit goldenen Schuhen und braune langen Haaren.
„Wow.“, sagte Salih und er war sichtlich überrascht, mich – seine Frau – in diesem Kleid zu sehen.
„Das steht dir hervorragend.“, fügte er noch hinzu, kam auf mich zu und küsste mich. Da staunte ich nicht schlecht. Mich wunderte es sehr, dass mein Mann mich vor einem Familienmitglied küsste. Soweit ich mich erinnern konnte war es laut Koran nicht gestattet, in der Öffentlichkeit zu küssen, auch Eheleute nicht.
Mohamed schluckte, das bemerkte ich aus dem Augenwinkeln heraus. Ich drehte mich aus der Umarmung meines Mannes und ging wieder ins Schlafzimmer zurück, zog mich um und spürte eine Armee Ameisen durch meinem Körper wandern, wenn ich an die Augen Mohameds dachte.
Es verging ein halbes Jahr und Mohamed war ein gern gesehener Gast in unserem Haus. Oft fragte ich ihn, warum er sich die Mühe machte und am Wochenende nach Rotterdam fuhr? Ich wollte so gern hören, dass er sagt, er tue es für mich. Doch er schwieg und lächelte nur. Salih freute sich immer, wenn er kam. Und beide hatten viel zu lachen und viel zu reden. Oft gingen sie zusammen ins ‚Café’ und verbrachten einige Stunden mit Freunden. Das waren dann die Wochenenden an denen ich Samstags alleine war und viel nachdachte. Meist kamen die Jungs mitten in der Nacht nach Hause. Salih betrunken und Mohamed nüchtern. Jedes mal dachte ich, >Heute Abend ist es das letzte mal. Ich gehe morgen weg und komme nie mehr wieder.<, doch dann habe ich Salih ins Bett gepackt und bin am nächsten Morgen freundlich und zuvor kommend gewesen.
An solchen Abenden machte Mohamed den Eindruck, dass es ihm sehr peinlich sei, dass sein Schwager einen über den Durst trank. Und er zog sich immer gleich zurück. Am darauf folgenden Morgen sprach er auch nicht viel mit mir. Wir frühstückten und gleich danach machte sich Mohamed auf dem Weg zurück nach Dortmund. Ich trauerte ihm innerlich nach und ging meistens am Nachmittag in die Stadt, um mich abzulenken und nicht den Geruch von abgestandenem Bier in der Nase zu haben. In dieser Zeit versuchte ich mich im fotografieren. Darin fand ich eine neue Ablenkung. Ich dachte nicht mehr so häufig an Mohamed und an das Trinkverhalten meines Mannes, das sich rapide zu einer Sucht entwickelte.
Eines Abends jedoch hatte ich Gelegenheit mit Mohamed einige Worte zu wechseln. Mein Mann stand in der Küche und kochte KusKus, während wir im Wohnzimmer Kaffee tranken und leise im Hintergrund Musik hörten. Ich hatte mein Lieblingslied aufgelegt: ‚Ich fühl wie du’ von Peter Maffay, es sprach mir irgendwie aus dem Herz und hoffte, dass Mohamed die Worte irgendwie verstand.
„Du darfst sie nicht heiraten.“, brach es plötzlich aus mir heraus.
„Ich weiß.“, antwortete Mohamed und schaute verschämt zu Boden.
„Was willst du nun tun?“
„Ich weiß nicht.“
„Du musst dich in Marokko scheiden lassen, ihr kennt euch kaum, seht euch nicht oft und du liebst sie nicht.“, sagte ich ihm und schaute auf seine Finger, die mit seinem Goldenen Siegelring spielten.
„Ich habe sie nun schon geheiratet.“
„Ja, schon – und auch wiederum nicht. Salih hat mir gesagt, dass die Hochzeit nicht gültig ist, weil ihr die Hochzeitsnacht noch nicht vollbracht habt und weil die Hochzeitsfeier noch nicht stattfand. Wann willst du das machen? Du verdienst nichts, lebst immer noch bei deinen Eltern und ich kann mir nicht vorstellen, dass du in Marokko leben kannst. Moh, du bist in Deutschland geboren, kannst kaum Arabisch, wie wollt ihr das machen? Najet kann kein Wort Deutsch.“, Ich war eifersüchtig auf meine eigene Schwägerin, die ich noch nie sah und die ich nicht kannte.
„Du siehst aus wie Najet. Dasselbe Haar, die Augen und dein Lachen.“, war alles was er sagte.
„Du spinnst.“, gab ich zurück und wusste genau was er in diesem Moment dachte.
„Ich mag das Lied.“, flüsterte er mir genau in dem Moment zu, in dem mein Mann das Wohnzimmer betrat.
„Essen ist gleich fertig.“, sagte er und schaute mich mit einem ernsten Blick an. Ich stand auf und deckte stillschweigend den Tisch. Ich wusste um Mohameds Liebe zu mir und er wusste, dass ich ihn liebte und doch haben wir aus Respekt es nicht gewagt, uns es auch nur irgendwie einzugestehen.
Im darauffolgendem Februar feierte ich meinen achtundzwanzigsten Geburtstag. Ich hatte meine Nachbarn und ein paar Freunde eingeladen. Wir waren ausgelassen und hatten eine Menge Spaß. Joop, mein Nachbar, war bei einer chinesischen Handelsagentur beschäftigt und was er zu erzählen hatte, brachte uns zum lachen und trieb uns die Tränen in die Augen. Seine Frau Petra, war ‚nur’ Hausfrau, von ihr lernte ich holländisch. Oft saßen wir im Sommer zusammen auf unseren Balkonen und hatten jeder ein Wörterbuch in der Hand. Petra war bemerkenswert, sie hatte Talent, mir alles genau zu erklären. Oft hatten wir gelacht, wenn wir feststellten, dass manche Worte zwei oder gar drei verschiedene Bedeutungen hatten. Es war herrlich. Gerade erzählte Toni, der Sohn von Jon und Petra, was er in der Jugendtheatergruppe erlebt hatte, als es an der Tür klingelte. Mein erster Gedanke, >Das ist Mohamed.< und ich wurde rot und nervös. Denn falls er es war, wäre er nur für mich gekommen. Von Dortmund nach Rotterdam, zu meinem Geburtstag, mitten in der Woche, er musste mich lieben.
„Es hat geklingelt.“, sagte Salih und nickte mir mit dem Kopf zu. Ich verstand das Zeichen und ging zur Tür.
Und einige Sekunden später stand Moh vor mir. Er nahm mich in den Arm, drückte mich leidenschaftlich und gratulierte mir. Doch das, was mich am meisten freute, war der Kuss. Seit einem Jahr war ich in diesen Mann verliebt, träumte nachts von ihm, spürte ihn auf mir liegen wenn ich mit meinem Mann im Bett lag, roch sein Aftershave und spürte seine Hand in meiner, wenn ich alleine in der Stadt unterwegs war. Und nun dieser kurze, flüchtige, zart, dahingehauchte Wangenkuss. Das musste Liebe sein, wenn er es wagte, mir in der Gegenwart meines Mannes einen Kuss zu geben. Er musste wissen, wie eifersüchtig Salih war, und doch hatte er es gewagt. Ich führte Moh ins Wohnzimmer, brachte ihm eine Tasse Kaffee und war einfach nur glücklich. Nach und nach verabschiedeten sich meine Gäste. Es wurde still und ich begann mit aufräumen. Salih bereitete das Abendessen vor. Er kochte gern, gut und leidenschaftlich. Zum Anlass meines Geburtstages hatte er sich etwas besonderes für mich ausgedacht. Sauerbraten mit Rotkohl und Klößen. In einem unbeobachteten Augenblick stand Moh auf und kam auf mich zu, nahm meine rechte Hand und steckte mir seinen goldenen Siegelring an den linken Ringfinger. Ich war überwältigt und fand kaum Worte. Stammelnd bedankte ich mich bei ihm und bewunderte den Ring, welcher sogar noch meine Initialen trug – BM – oder waren es die Anfangsbuchstaben unserer Vornamen? Schüchtern und verlegen ging ich gleich in die Küche und rief meinem Mann zu, was Moh mir zum Geburtstag schenkte. Ich tat dies aus zwei Gründen, erstens war Moh mein Schwippschwager, und laut Angaben des Korans hätte er mir keinen Ring schenken dürfen, doch ich bin Europäerin, da lag der Sachverhalt wieder etwas anders. Der zweite und wesentlich wichtigere Grund war die Vorsicht vor der Eifersucht von Salih. Wenn ich Salih nichts von dem Ring gesagt hätte und er hätte mich darauf angesprochen, wäre der Teufel los gewesen. Aber so hatte ich der Panik die Würze und Schärfe genommen und Salih freute sich sogar für mich. So tat er zumindest. Nun trug ich einen Ring von Moh. Mir wurde warm ums Herz und ich war mir sicher, dass Moh mich ebenfalls liebte. Doch die Angst vor einem Skandal hielt ihn davon ab etwas zu sagen und aus Respekt den Familien gegenüber hielt ich mich zurück und fügte mich meinem Schicksal. Doch als Saida, Moh’s Schwester den Ring einige Wochen später an meiner Hand sah, wurde sie sichtlich von Neid gepackt. Genaustes schaute sie auf meine linke Hand und sagte dabei:
„Yamila, eigentlich wollte ich diesen Ring immer von meinem Bruder haben, doch Moh hat immer gesagt das dieser Ring nur seine Ehefrau bekommt.“
Mich verwirrten ihre Worte und ich maß ihnen zu diesem Zeitpunkt keinerlei Bedeutung bei.
In darauffolgendem Sommer musste Moh für drei Wochen in die Justizvollzugsanstalt. Der Grund war eine Beleidigung. Der Richter verdonnerte ihn zu einer Geldstrafe oder zu fünfzehn Tagen Haft. Da Moh noch immer nicht arbeitete und daher kein Geld hatte, nahm er die Alternative und verbrachte ein paar Tage im Jugendarrest. Aus Nettigkeit und dem vorbildlichem Verhalten vor Gericht hatte Moh es zu verdanken, dass er nicht im Erwachsenenstrafvollzug gelandet war. Sein Vater, ein sehr gläubiger Moslem, hätte ihm helfen können, doch der Grund weshalb er es nicht tat, war die Uneinsichtigkeit seines Sohnes. Er wollte Härte und Stärke beweisen, und so zahlte Vater nicht die Geldstrafe und vertraute auf Gott.
Doch zuvor war Moh wieder zu Besuch bei uns. Der diesmalige Grund waren der billige Tabak und die Vorbereitungen meines Mannes zur Abfahrt nach Marokko. Gemeinsam schlenderten wir über den Wochenmarkt. Überall die frischen Düfte und die satten Farben des frischen Obstes und Gemüses. Im laufe der Zeit lernte man schnell was, und vor allem wo man auf dem Markt einkaufen sollte. So zog ich Moh von einem Stand zum nächsten. Salih trennte sich von uns und hielt mit einem Freund ein Schwätzchen und plauderte am Fischstand mit ihm über die Frische des Lachses.
Am Tabakstand blieben wir stehen. Moh schaute auf die Auslagen und entschied sich für einen Tabak, der recht günstig war. Ich bestellte die von Moh gewünschte Menge und für mich auch noch eine Schachtel meiner Zigarettenmarke. Ich nahm mein Geldbeutel und wollte alles zusammen zahlen, da nahm Moh meine Hand und sagte:
„Nein, lass nur, ich zahl das. Schließlich ist es mein Tabak.“, und lächelte mich an.
„Bitte, ich zahl es. Du hast kein Geld. Lass stecken.“, gab ich zurück.
Der Verkäufer hielt die gefüllte Plastiktüte in der Hand und lächelte, während wir über das Zahlen diskutierten.
„Wenn doch ihr Mann zahlen möchte, lassen sie ihm doch die Freude.“, meinte mit einemmal der Verkäufer und stellte die Tüte ab. Ich schaute ihn an und wurde sichtlich rot im Gesicht.
„Was hat er gesagt?“, wollte Moh von mir wissen.
„Nix weiter von Belang.“, gab ich zurück und hielt dem Mann hinter dem Verkaufsstand einen Fünfzigguldenschein entgegen. Er lächelte zufrieden und gab mir mein Wechselgeld. Moh nahm die Tüte und fragte wieder, was der Mann gesagt hätte. Ich schwieg und lächelte innerlich. >Wenn ein Fremder mich für seine Frau hält, was müssen dann die anderen denken?<, waren meine Gedanken zu diesem Thema. >Er benimmt sich wirklich als sei er mein Mann.<, und dann schüttelte ich den Kopf und lachte.
„Was hat er gesagt? Bitte sag es mir doch.“, bettelte Moh mich an. Noch einen Gang weiter und wir standen vor dem Fischstand, an dem mein Mann auf uns wartete. Entweder ich sagte es Moh jetzt oder ich schwieg für immer. Meine Entscheidung war einfach.
„Der Mann meinte, ich solle doch meinen Ehemann zahlen lassen.“
Mohamed lächelte und sagte etwas, das mich vollkommen überraschte.
„Und er hat recht, warum hast du mich nicht zahlen lassen.“
Es war fast Spätsommer als sich der Termin für Mohs Aufenthalt im Knast näherte und der Abfahrtstermin von Salih nach Marokko. Ich wollte für drei Wochen zu meiner Freundin nach Frankfurt fahren und mich erholen und entspannen.
Zur Abfahrt nach Marokko kamen Salihs Tante und Onkel aus Belgien, der beste Freund Ali mit seiner holländischen Frau Sonja und Moh, um noch einige Pakete mitzugeben an seine Najet und die Familie. Ali und Sonja fuhren in ihrem eigenem Wagen nach Marokko, Salih hatte daher ein großen Teil seines Gepäcks bei Ali mit im Wagen und nahm deshalb seine Tante und seinen Onkel mit. Moh hatte das Paket seiner Eltern für Salihs Eltern überreicht und machte sich auch gleich nach dem Kaffeetrinken wieder auf den Weg zurück nach Dortmund. Bei der Verabschiedung steckte er mir einen Zettel zu, den ich heimlich in meine Hosentasche steckte und erst Stunden später auf der Toilette las.
„Liebe Barbara,
in 2 Wochen muss ich die Haft antreten, hier ist die Adresse damit wir uns schreiben können. Ich rufe dich morgen an.
Dein Moh“
Am Abend fuhren die beiden vollgeladenen Autos in Richtung Marokko. Wenn alles klappen würde, wären sie in spätestens zwei Tagen in Spanien bei der Fähre und wiederum zwei Tage später in dem kleinen Ort Beni Sidel bei Nador. Salih würde mich sofort anrufen und fragen ob alles in Ordnung sei. Ich würde tapfer sein und ein paar Tränen vorspielen und meine Stimme so traurig wie möglich klingen lassen und mich innerlich wahnsinnig auf meine Freundin in Frankfurt freuen.
Als ich im Bahnhof Frankfurt am Main ankam, wurde ich mit einem wundervollen Blumenstrauß empfangen. Elke, meine Freundin, hatte ihre vier Kinder dabei und ich freute mich wahnsinnig, alle fünf in die Arme schließen zu können.
Bei Kaffee und Kuchen wurde über belanglose Dinge gesprochen. Später als Elkes Gäste gegangen waren, rückte sie mit der Sprache heraus. Sie hatte seit einigen Monaten einen Liebhaber. Zwei Besonderheiten machten die Sache heikel und spannend, doch beim näheren nachdenken war es weit mehr für sie. Erstens war es ihr Nachbar, zweitens war er verheiratet und damit war nicht genug, er war Türke und schon seit mehreren Jahren hinter ihr her. Sie erzählte mir alles, jedes einzelne Detail ihres Näherkommens und jeden Dialog konnte sie wiederholen. Doch ich hörte nur mit halbem Ohr zu und war ganz darauf fixiert, dass Moh nicht in meiner Nähe war. Meine Abwesendheit wurde von Elke schnell bemerkt.
„Was hast du?“, wollte sie wissen und ich begann zu weinen. Meine Tränen lösten sich und wie ein Befreiungsschlag kam alles aus mir heraus. Ich erzählte ihr alles. Als ich nach einer Stunde mit den Worten: „Was mache ich nun?“ abschloss, nahm sie mich in den Arm und flüsterte mir zu:
„Wir haben bis jetzt alles geschafft und das überleben wir auch.“. Danach stand sie auf und ging ins Wohnzimmer, um mit einem Deckblatt Tarot zurückzukehren. In dieser Nacht wurden die Karten nach unserem Schicksal befragt. Immer wieder stellten wir die selben Fragen, immer wieder wurden die Karten neu gemischt, immer wieder kam das gleiche Ergebnis. Als Quintessenz erhielt Elke auf all ihre Fragen die große Arkana, ‚Der Mond’. Sie wusste, dass dies die Grundlage ihrer Beziehung widerspiegelt, ebenso wusste sie dadurch, dass sie in einer momentanen Illusion zuhause ist. Doch immer wieder betrachtete ich mir meine Quintessenz, ebenfalls eine der großen Arkana, ‚Der Turm’.
Zitternd und ungläubig hielt ich die Karte in der Hand. Ich wollte Gewissheit und schaute nach dem genauen Wortlaut der Kartendeutung.
XVI DER TURM
Ein radikaler Umbruch steht bevor, möglicherweise sind unerquickliche Begleiterscheinungen zu erwarten. Doch die Veränderung erfolgt aus innerer Notwendigkeit, sie hat reinigenden und lebensbejahenden Charakter.
Ich wusste nicht, was die Karte mir sagen wollte und doch ahnte ich Schreckliches. Meine Stimmung schlug um. Ich wurde nachdenklich und traurig, selbst Elke konnte mich nicht trösten. Meine Tränen fanden kein Ende.
In dieser Nacht weinte ich mich in den Schlaf.
Ein paar Tage später erhielt ich Post. Ich freute mich, denn es konnte nur Moh sein, der mir schrieb. Mit einem Lächeln und aufgeregt öffnete ich den Brief und begann zu lesen. Es waren Sätze, die mir Freude und Trauer suggerierten. Seine Gemütslage war gespannt, doch schrieb er, dass es ihm gut ginge im Gefängnis. Es wären ja auch nur noch sieben Tage, doch benötigte er noch einmal ein paar Schachteln Zigaretten und etwas Tabak. Diese Freude wollte ich ihm nicht ausschlagen. So machte ich mich gleich auf den Weg zur „Leipziger“, unserer kleinen Einkaufsstrasse, und besorgte alles Nötige, verpackte es gleich auf der Post in ein Päckchen, legte einen kurzen Brief mit hinein und schickte es los. Mit allen Guten Wünschen, der Hoffnung ihn bald wiederzusehen und einem Kuss.
Doch diese Hoffnung blieb bis zur Hochzeit, ein Jahr später, ein Traum in mir.
Saida fand die Briefe, welche ich an Mohamed schrieb, aus seiner Zeit im Gefängnis und der Skandal war perfekt. Wir durften uns nicht mehr sehen. Seine Familie betrachtete mich als typisch Deutsche, die jeden Mann haben will und mein Mann, ja mein Mann sprach nie wieder über dieses Thema, bis die Hochzeit stattfand.
Es war ein kühler Abend, als wir in Dortmund ankamen. Wir fuhren zuerst zu Abdul und Lisa, die bereits festlich angekleidet auf uns warteten. Vom letzten Marokko Urlaub hatte mir mein Mann ein Gandora mitgebracht, mit passendem Schmuck und Schuhen. Beim Anblick des Kleides, welches ein Doppelkleid war, wurde Lisa sichtlich von Neid gepackt. Das Unterkleid bestand aus reiner, glatter kirschroter Seide, das Oberkleid war mit dunklen zarten Blüten und zahlreichen Applikationen verziert und bestand ebenfalls aus Seide, jedoch war der Stoff beinahe durchsichtig. Um die Taille trug ich einen etwa sechs Zentimeter breiten Goldgürtel. Dazu die passende Halskette, Ringe, Ohrringe und Armreifen. Wie es der Tradition entsprach sieben Armreifen, vier am rechten Arm und drei am Linken. Meine Füße steckte ich in die mitgebrachten Schuhe und lächelte, dabei dachte ich noch >Schenke niemals deinem Ehepartner Schuhe, er läuft sonst weg.<. Diesen Aberglauben hatte ich bereits in meiner Kindheit hundertfach von meiner Mutter gesagt bekommen.
Als wir zwei Stunden später die Wohnung der zukünftigen Schwiegereltern erreichten, verabschiedeten sich die Männer wieder ohne Erklärung. Ich kam mir ziemlich bescheuert vor und ich war aufgeregt. Mit Lisa an der Hand standen wir dann im dreizehnten Stockwerk und klingelten an der Tür mit dem Namen „El Mohamadi“.
Im Wohnzimmer, in welches uns Saida führte, begrüßten uns etwa dreißig Frauen. Die einzigen die ich kannte, waren Melika, Saidas Mutter und zukünftige Schwiegermutter von Najet, Mimouna, die Tante von meinem Mann und Fatima, die Cousine meines Mannes. Auf Kissen nahmen wir Platz und betrachteten das Schauspiel der Hochzeitsgesellschaft. Die Frauen stimmten ein Lied an und Melika schlug dazu ein Tamburin ähnliches Instrument. Es wurde ausgelassen gefeiert und viel gelacht. Mit einemmal begannen die jüngeren Frauen zu tanzen und als wollten sie wissen, ob wir Deutsche ihrer Kultur mächtig wären, zogen sie Lisa und mich in die Mitte des Wohnzimmers. Erst sträubten wir uns, doch dann, als der Rhythmus in unser Blut überging, begannen wir die Hüften nach alter Weise zu drehen und zu schwingen. Najet saß die ganze Zeit über auf einem Zweiersofa und wurde wie eine Königin behandelt. Ihr Gesichtsausdruck verriet keine Regung. Nicht Freud, nicht Leid – nichts. Selbst ein Lächeln huschte nicht über ihre Lippen, nur ihre Augen leuchteten. Ich konnte in ihren blauen Augen Freude ablesen.
Nachdem das Essen serviert war und alle gespeist hatten, wurde eine Seite des Wohnzimmers freigeräumt. Melika kam mit einer Schüssel Henna und weißen Tüchern. Saida führte Najet zu ihrer zukünftigen Schwiegermutter und diese begann dann, in Begleitung von einem sehr melancholischen Gesang, erst die Füße dann die Hände mit der angerührten Hennapaste einzureiben. Jede anwesende Frau erhielt einen Tupfer Henna in die rechte Handinnenfläche. An diesem Abend weinte sich Najet in den Schlaf.
Der nächste Tag wurde prunkvoll mit der gesamten Familie gefeiert. Es war der Tag des Brautpaares. Freunde und Familie waren anwesend ebenso wie am ersten Tag und doch war es ein Unterschied. An diesem Tag feierten die Männer mit in der Wohnung. Dadurch, dass die Wohnung durch eine kleine Treppe in zwei Stockwerke geteilt war, feierten die Männer in der unteren Ebene und die Frauen und Kinder im oberen Teil – im Wohnzimmer. Wieder wurde getanzt und wieder wurde gesungen. Doch diesmal schaute Mohamed bei meinem Tanz zu. In mir formte sich das Gefühl der Glückseeligkeit. Endlich, nach beinahe einem Jahr sah ich Moh wieder und nur für ihn tanzte ich. All mein Geschick und mein Können legte ich in jede Handbewegung und in jeden Blick, meine Augen verrieten ihm meinen Wunsch, ihm Nahe zu sein.
An diesem Tag wurde Najet sieben mal in ein anderes Gewand gekleidet. Von der uralten Tradition, einem schweren Baumwollkleid mit Silberschmuck, über einer indischen Prinzessin in einem roten Sari bis hin zu einer eleganten europäischen Braut bis sie schließlich das Brautgewand der Familie El Mohamadi trug, ein zart rosafarbener Gandora. Sie war die Braut.
Bis spät in der Nacht wurde gefeiert, wie oft Moh meine Augen gesucht und gefunden hat, konnte ich nicht mehr sagen, doch an diesem Abend weinte ich nicht aus Traurigkeit, ich weinte, weil ich ihn wieder sah und glücklich war.
Ein Autocorso von ungefähr fünfzehn Wagen fuhren hupend durch Dortmund. Im Brautwagen saßen Moh und Najet. Der weiße Mercedes hatte auf der Motorhaube ein wunderschönes Blumenarrangement. Ihm folgten erst die Eltern des Bräutigams, dann die Geschwister der Braut, mein Mann und Ali mit Lisa, dann die Freunde von Moh. In der Nähe eines kleinen Parks hielten wir an und begannen Fotos zu knipsen. Jeder wollte mit aufs Foto, jeder drängte sich in die erste Reihe und alle kamen mit aufs Foto.
Zuhause warteten Kaffee und Kuchen. Najet und Moh waren beide bezaubernd gekleidet, er hatte einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und seine schwarzen langen lockigen Haare fielen um sein Gesicht, er sah aus, wie man sich den Heiland vorstellte. Najet trug ein weißes Brautkleid mit sehr weitem Rock und langen Ärmeln, in ihrem schwarzen Haare hatte sie ein Silbernes Diadem, das den Schleier festhielt. Ihr Gesicht begann zu strahlen und ich war voller Neid in mir, dass sie diesen Mann bekam.
Aus Tradition mussten wir die Nacht im Haus der Familie verbringen, bis das Licht im Schlafzimmer des Brautpaares gelöscht wurde. Dann erst wussten die Frauen, dass der Akt vollzogen war. Bei diesem Gedanken schauderte es mir und ich verzog mich in eine Ecke im Wohnzimmer zurück und versank in meine Träume. Am frühen Morgen wurde das Licht gelöscht. Eine Stunde später lag ich im Bett und war voller Trauer.
Melika weckte mich gegen zehn Uhr zum frühstücken. Als ich dann etwas später im Wohnzimmer Platz nahm, waren bereits alle aus der Familie anwesend und schwatzten hektisch umher. Ich registrierte das alles gar nicht, ich wollte nur einen Kaffee und Weißbrot mit Oliven.
Ich hatte gerade meine erste Zigarette geraucht, als Mohamed die Treppe zum Wohnzimmer hinauf kam. Im Türrahmen blieb er stehen und schaute sich um. Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen als er mich sah und er kam näher in den Raum herein, kniete sich vor mich auf den Boden, nahm meine Hand und sagte:
„Ich liebe dich, Yamila.“, und zu seinem Vater gewandt sprach er weiter, „Ich lasse mich wieder scheiden.“
Ich zog meine Hände aus den seinen, sprang auf und rannte aus dem Raum, meinen Mann hörte ich bereits schreien. Was er schrie wusste ich nicht, doch eines wusste ich – ich hatte mein Leben in dieser Familie verwirkt.
Abdul und Lisa kamen gleich hinterher und gemeinsam fuhren wir zu ihnen nach Hause. Abdul beruhigte mich und versuchte, mich nicht zu verachten. Doch es gelang ihm nur sehr schlecht.
„Hattest du was mit ihm?“, fragte mich Lisa.
„Spinnst du?! Er ist unser Schwager.“, empörte ich mich.
„Aber er liebt dich.“
„Da kann ich nichts dafür.“
„Hast du mal an Najet gedacht?“, fragte mich Lisa vorwurfsvoll.
„Hat mal jemand an mich gedacht?“, gab ich schnippisch zurück. Und so war das Thema für mich und Lisa erledigt.
Spät in der Nacht kamen die Männer und endlich konnte ich nach Hause fahren. Ich wollte wieder nach Hause, nach Rotterdam, weg von diesen falschen Blicken, weg von dieser Familie.
Während der Autofahrt sprach mein Mann kein Wort mit mir. Ich versuchte zu schlafen und versank immer wieder in meine Träume. Meine Gefühle für Moh hatten sich nicht geändert, im Gegenteil, sie waren stärker geworden. Meine Gedanken kreisten nur noch um ihn. Doch ich musste mich lösen, lösen von der Vorstellung, dass wir jemals eine gemeinsame Zukunft haben könnten. Meine Gedanken musste ich lösen von der Vorstellung, dass ich Mohamed liebte. Ich musste mich soweit selbst betrügen, dass ich ihm ohne schlechtes Gewissen seine Liebe zu Najet suggerieren konnte. Ich musste beginnen, ihn positiv für seine Ehe zu beeinflussen.
Es vergingen einige Wochen. Mein Mann und ich sprachen nicht mehr von diesem Vorfall, ebenso wenig die Familie. Ich versuchte mich anderen Dingen zu widmen und trat einem Fotoclub bei. Mit Leidenschaft war ich dabei, es machte mir Spaß, leblose Gegenstände ins rechte Licht zu rücken, ihnen ein neues Leben einzuhauchen. Nun war ich oft auch unter der Woche auf Motivsuche in der Stadt unterwegs. Es waren meist Kleinigkeiten, die meine Aufmerksamkeit erregten. Ich vergaß Mohamed beinahe vollständig, meine Selbstlüge fruchtete. Doch an einem Abend war alles wieder wie zuvor. Mein Selbstschutz hielt nicht lange stand, meine Liebe zu Moh flammte erneut auf.
Salih schaute das Telefon an und sagte mit dem Hörer in der Hand: „Dann eben nicht.“, und legte auf.
„Was war das!?“, fragte ich erstaunt.
„Da hat sich keiner gemeldet.“, sagte Salih und schaute wieder unbeirrt ins Fernsehprogramm. Einige Minuten später klingelte erneut das Telefon, diesmal ging ich ran.
„Sag’ nicht, dass ich es bin.“, flüsterte mir Moh zu.
„Hoi Sonja, hou is het met je?“, antwortete ich reaktionsschnell und hörte zu, was Moh mir zu sagen hatte. Dabei antwortete ich zwischendurch mit einem „hm“, „aha“ oder „ach so“. Moh versprach mir die ewige Liebe und dass er mit mir zusammen abhauen wollte, dass er sich scheiden lassen würde. Er bat mich inständig, ich solle mich von Salih trennen und mit ihm zusammen ein neues Leben anfangen. Da ich meinem Mann ein Gespräch zwischen meiner Freundin Sonja und mir vorspielte, konnte ich natürlich nicht in deutsch antworten. Doch mein Mann fragte nicht und war auch keineswegs interessiert zu wissen, was für ein Malheur Sonja wiederfahren sei. Welche Gedanken sich in mir abspielten und wie gern ich Moh ein eindeutiges „Ja“ oder „Nein“ gesagt hätte, ließ mich einen innerlichen und sehr blutigen Kampf ausfechten.
Am nächsten Abend, als das Telefon klingelte war es diesmal Saida, die sich meldete. Sie wollte gleich meinen Mann sprechen. Ich gab das Telefon weiter und lauschte angestrengt den Antworten meines Mannes. Fetzenweise konnte ich einiges verstehen, doch einen kompletten Reim konnte ich mir nicht machen. Das einzige, das Salih mir später erzählte war, dass Nejat für drei Wochen zu uns käme, um über die ganze Situation nachzudenken.
Zwei Tage später kamen Mohamed, Khalid, Saida und Najet. Mit mir wurde kein Wort gewechselt, ich war die Aussätzige, ich war das Übel der Situation.
Abends im Bett erzählte mir mein Mann folgende Geschichte, welche ich kaum zu glauben vermochte.
Da Saida seit ihrer Geburt an ihren Cousin versprochen war und ihn dann doch nicht heiratete wurde die Familie mit einem Fluch belegt. Er sollte beinhalten, dass sich die ganze Familie zerstritt und kein Ehepaar mehr glücklich in Zukunft zusammen leben könnte. Die Tante von Saida hatte sich in Marokko eine Mixtur einer Shitana herstellen lassen. Diese Mixtur sollte dem nächst folgenden Brautpaar der Familie unter das Essen gemischt werden. Da die Tante in der Küche mithalf, war es für sie ein leichtes, ein paar Tropfen in das Abendessen der Brautleute zu träufeln. Die Auswirkungen des Zaubers waren verheerend. Najet magerte innerhalb zwei Wochen um fünfzehn Kilo ab, weil sie nichts mehr essen konnte. Beim Anblick von Fleischspeisen begann sie die Augen zu verdrehen und stürzte zur Terrasse, um sich auf die Brüstung zu stellen und sich in die Tiefe zu stürzen. Jedes Mal wurde sie nur knapp gerettet. Leider hatte sie keine Erinnerung mehr an die Einzelheiten ihres Tuns und so war mein Mann auf die Aussagen der Familie angewiesen. Es waren noch weitere Kuriositäten, die er mir berichtete, wie zum Beispiel der Besuch beim Imam in Dortmund, welcher sofort eine Verhexung der Tante erkannte, jedoch war diese Aussage der Familie nicht sicher genug und so waren sie bereits in Paris bei einem weiteren Imam gewesen, um sich dort ein Gegenmittel zu besorgen. Dieser verwies sie zu einem Hatscha nach Marokko. Es war kaum verwunderlich, dass sich Saida, Khalid und Najet auf den Weg machten nach Rabat zu dem Mann aus Mekka, der dem Teufel im Grabstein des Propheten Mohameds einen Stein entgegen warf, und somit im Islam als ein gereinigt von allen Sünden befreiter Mann ist. Auch hier wurden sie nur wieder weiter geschickt zu einem anderen Imam in einem anderen Land, mit gleichem Ergebnis. Und das war der Grund, weshalb sie nun hier bei uns seien, denn die letzte Hoffnung bestand in dem Besuch bei einem Wunderheiler, der in einem kleinen holländischen Dorf an der belgischen Grenze wohnt.
All das konnte ich irgendwie verstehen und trotzdem war es mir nicht möglich daran zu glauben. Ich wusste schon, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gab, welche selbst Professoren sich und uns nicht erklären konnten. Doch an Geister, Hexen und Zaubersprüche glaubte ich schon, zumal ich bereits einige Erfahrungen in diesem Bereich selbst in meiner Jugend machte, und dabei dachte ich keineswegs ans Gläserrücken oder Tarotkarten legen.
Am darauffolgenden Wochenende machten wir uns auf den Weg zu diesem Wunderheiler. Der Raum war stickig und wir schwitzten. Najet wich nicht von meiner Seite. Wir sahen Frauen mit schrecklichen Verbrennungen den Raum betreten, Kinder die nur schrieen, Frauen die blind zu einem Platz geführt wurden. Die Männer waren in einem Nebenraum, auch hier war der Koran und die Lehre des Propheten allgegenwärtig. Nejat schaut mich immer wieder mit angsterfülltem Blick an. Ich nahm sie in den Arm und versuchte sie zu beruhigen, da ich sie vom sprachlichen Standpunkt her, noch stets nicht verstand, blieb mir nichts weiter übrig als einfach zu schweigen.
Dann sahen wir einen Mann den Raum betreten, sein Aussehen kann ich kaum beschreiben, doch eines brannte sich in mein Gedächtnis, die halb geschlossenen Augen und die perfekte Aussprache einer jeden, aber wirklich jeden Sprache. Der Mann legte eine Hand auf die Schulter der zu behandelnden Person und er begann in einer klaren und deutlichen Aussprache mit der Person in dessen Muttersprache zu reden. Ich konnte es nicht glauben und doch vernahm ich es mit eigenen Ohren wie er mit einer Spanierin sprach und gleich danach mit einer Chinesin in der ihrigen Landessprache. Als der Wunderheiler einige Minuten mit den Patienten gesprochen hatte, legte er ein kleines Frottetuch über das Gesicht und flüsterte mir vollkommen unverständliche Worte. Die meisten der Frauen begannen danach fürchterlich zu schreien, sie traten um sich und wanden sich im absoluten Schmerz. Das Weiß der Iris trat heftiger hervor und die Aussprache wurde abscheulich und äußerst vulgär. Marokkanische Frauen in weißen Kleidern, was darauf schließen lässt, dass sie bereits am heiligsten aller Wallfahrtsorte des Islams waren – in Mekka, sprachen in der abtrünnigsten Weise Schimpfwörter, an welche sie sich im Nachhinein nicht mehr erinnern konnten. Als der Mann auf Nejat zukam, legte er zuerst mir seine Hand auf die linke Schulter, schaute mir in die Augen und ein Feuersturm wütete in meinem Körper. Eine Sintflut an Gedanken überschwemmte mich und mein Blick wurde wie durch einen Schleier getrübt. Mit sanfter Stimme und in einem perfekten Holländisch, begann er zu sprechen:
„Dein Weg wird der Richtige sein.“ – das war alles, mehr nicht. Ich verstand nicht was es bedeutete, wieder einmal fühlte ich mich klein und überwältigt zugleich. Als seine Hand Najets Schulter berührte begann sie sich aufzubäumen, ein Schrei der Befreiung löste in ihr einen Wutausbruch aus, wobei sie ihre Augen verdrehte und mit einemmal sich einfach nach hinten fallen ließ. Mit seiner rechten Hand legte er ein Tuch über ihr Gesicht und begann zu flüstern. Najet hingegen begann in deutsch zu fluchen, ich erschreckte mich und wollte sie beruhigen, doch der Wunderheiler hielt mich am Arm zurück und versicherte mir, dass alles in Ordnung sei.
„Najet geht es gut. Sie wird wieder gesund.“
Gegen Abend ging es ihr wieder besser. Najet aß mit großem Appetit und lächelte wieder. Mohamed hingegen war nicht bereit zu reden oder zu essen. Die ganze Sache zerrte an meinen Nerven und selbst ich war meiner Belastung sehr nahe gekommen.
Mein Mann jedoch war sehr zufrieden.
Als wir in der Nacht nach Hause kamen, sprachen wir noch über die Geschehnisse und Erlebnisse des heutigen Tages. Najet konnte sich an nichts erinnern, sie wurde rot und blickte verschämt zu Boden als sie erfuhr, wie und in welcher Weise sie sprach und welche Sprache sie benutzte. Salih berichtete über die Ereignisse im Männerraum, dass Moh sich nicht anfassen ließ, und dass er einfach aus dem Raum rannte, als er den Wunderheiler auf sich zu kommen sah.
Moh’s Augen verrieten Trauer und Aggression zugleich, sie blitzten hasserfüllt auf als er Najet sah und wurden von einem weichen Glanz belegt, als er meine Augen traf. Ich schwankte zwischen meinen Gefühlen hin und her und begann auf Moh einzureden.
„Du liebst Najet.“, sagte ich und spürte, wie sich mein Herz zusammenkrampfte.
„Nein, ich liebe dich.“
„Du bist mit meiner Schwägerin verheiratet, weil du sie liebst.“, begann ich ihm einzureden.
„Bitte Yamila, belüge mich nicht, sag mir ob du mich liebst.“, wollte Moh von mir wissen. Mein Mann und Najet kamen aus der Küche zurück und ich verstummte in unserem Gespräch. Salih schaute mich argwöhnisch an und fragte mich:
„Barbara, hast du schon das Bett für meine Schwester gemacht?“. Ich schüttelte den Kopf, stand auf und ging ins Gästezimmer, Najet folgte mir. Nun standen wir Frauen uns das erstemal alleine gegenüber. In mir brannte wieder das Feuer, welches ich am Nachmittag bei diesem Wunderheiler das erstemal erlebte.
„Ich verstehe dich.“, sagte Najet und nahm mich in den Arm, drückte mich und fügte hinzu: „Du bist meine Schwester, auch wenn mein Mann dich liebt, weiß ich, dass du ihn nicht begehrst.“
„Najet, seit wann sprichst du deutsch?“, fragte ich erstaunt. Doch ich bekam keine Antwort mehr. Najet schwieg und lächelte nur.
Die darauffolgenden Monate waren begleitet von Zwiespalt meinerseits und Missgunst seitens Salih. Immer wieder stach er in meine Wunde und das mit einer Genugtuung, welche ich ihm als Moslem nie zugetraut hätte. Meine Gefühle wurden mit Füßen getreten und mein Stolz wurde als falsch und hinterlistig deklariert. Nachts weinte ich mich in den Schlaf und dachte nur an Moh. Tagsüber konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, um meine Arbeit in der gewohnten Qualität zu bewältigen. Von Tag zu Tag wurde es schlimmer, dazu kam noch, dass Salih anfing, mich absichtlich in Gewissenskonflikte zu manövrieren. Seine Frage, ob ich ihn lieben würde und was ich für Moh empfinden würde, lief meist nur auf eines hinaus, mich nervlich fertig zu machen.
Eines Tages bat ein Freund um Salih’s Hilfe beim Renovieren der Wohnung und mit Freude sagte er zu. Jeden Abend nach der Arbeit fuhr er zu seinem Freund, renovierte die Wohnung und begann Abends, wenn er nach Hause kam, über seinen Auszug zu sprechen. Immer mit einem Lächeln auf den Lippen und endend mit dem Satz, „Das ist nur Spaß.“. Doch ich spürte innerlich eine Wut aufkommen. Mit jedem Tag wurde es schlimmer, es wurde heftiger, ich begann Salih zu hassen.
Es war Ende Mai als ich am Büro eines Rechtsanwaltes vorbei kam. Ganz bewusst nahm ich das Messingschild an der Hauswand wahr. Meine Beine gingen von allein in die Richtung des Büros und mein Finger betätigte allein den Klingelknopf. Der Türsummer öffnete die Tür und ich trat ein. Es war eine unbewusste Handlung, ich machte mir keine Gedanken, weshalb ich zu einem Rechtsanwalt wollte, ich war hier und ich wusste nicht warum.
„Guten Tag Frau Martini, was kann ich für sie tun?“, fragte mich der Anwalt, ein elegant gekleideter Herr mittleren Alters.
„Ich möchte die Scheidung.“, sagte ich wie aus der Pistole geschossen und erschrak mich selbst vor meinen eigenen Worten.
„Gut und warum?“
„Das weiß ich selbst nicht. Ich weiß nur, dass ich es tun muß.“, gab ich als Antwort zurück. Der Anwalt schaute mich fragend an und beließ es aber dabei, mir keine weiteren Fragen zu stellen. Er ging gleich in den Sachverhalt über und erklärte mir, da ich auf Grund meiner Nationalität mehrere Möglichkeiten der Scheidung hätte, welche Art und Weise wohl für mich die beste sei. Durch meinen sechsjährigen Aufenthalt in Holland hatte ich den Status einer Holländerin erreicht, was für mich ein Scheidungsverfahren ohne Trennungsjahr und ein Urteil innerhalb vier Monate bedeuten würde. Die marokkanische Variante würde fünf Jahre Trennungsjahr bedeuten und ein Scheidungsurteil würde wohlmöglich nicht fallen, da mein Mann das Recht hatte, der Scheidung in Marokko zu wiedersprechen, was schlussendlich bedeuten würde, dass ich niemals geschieden werde, doch auf Grund meiner Staatsangehörigkeit bliebe noch die deutsche Methode, Trennungsjahr und Wiederspruch gefolgt von Urteilen und langen Jahren der nervlichen Zerreißprobe meinerseits. Dies alles wog ich ab und suchte das Für und Wieder, so entschied ich mich für die holländische Variante.
Mein Anwalt versprach mir eine schnelle Scheidung und das Recht in der Wohnung zu bleiben. Die Scheidungsunterlagen sollten innerhalb einer Woche meinem Mann zugestellt werden und er müsse diese nur unterschreiben und wieder zurück senden.
Mit einem mulmigen Gefühl ging ich nach Hause. Mein Kopf drehte sich und ich wusste innerlich, dass es dir Richtige Entscheidung war, doch ich fühlte mich nicht wohl bei dem Gedanken, noch länger mit Salih unter einem Dach zu wohnen.
„Ich habe die Scheidung eingereicht.“, sagte ich unverblümt und zuckte bereits zusammen, als ich Salih’s Augen blitzen sah.
„Nein, du machst Spaß.“
„Das ist mein Ernst, ich habe heute die Scheidung eingereicht. Wenn du mir nicht glaubst, dann warte auf die Papiere.“, entgegnete ich ihm.
Salih begann zu lachen. Laut, hässlich und gemein war das Lachen, ich hasste ihn immer mehr.
Wutentbrannt hatte er die Scheidungspapiere in der Hand, als er auf mich zukam.
„Du hast es wirklich getan.“, schrie er mich an.
„Ich habe es dir doch gesagt.“
„Du Hure.“, donnerte mein Mann mir entgegen und seine sonst braunen Augen wurden feuerrot und begannen sich zu weiten, sein Mund verzerrte sich zu einem maulähnlichem Etwas und seine Statur bäumte sich auf. An den Oberarmen traten die Muskeln einzeln hervor und am Hals zeigten sich deutlich dick geschwollene Adern. Dieser Anblick machte mir Angst und ich wollte nur noch weg. Die Gestik und der Versuch ein deutliches Wort zu sprechen brachen bei Salih innerhalb weniger Augenblick ab. Es war nur noch ein Gestammel und ein wütendes Gehopse, vergleichbar mit einem eifersüchtigem Orang-Utan Männchen, welches sich vor meinen Augen wütend gebärdete. Mit wilden, wütend gestikulierenden Hand- und Armbewegungen baute er sich vor mir auf und warf mit einem Hieb den schweren Wohnzimmertisch um. Die Marmorplatten darauf sprangen und ich hatte Glück, wirkliches Glück, denn meine Füße zog ich schnell genug auf das Sofa. Eine Tränenflut lief über meine Wangen. Ich zitterte innerlich und äußerlich, ich hatte Angst und wollte mich am liebsten in ein kleines Loch verkriechen.
Ich fiel meiner Freundin Elke in die Arme und weinte einfach nur noch. Aufgelöst in meinen Tränen konnte ich kein vernünftiges Wort wechseln. Elke versuchte mich zu trösten und zu beruhigen. Ich begann aus meiner Stagnation zu erwachen und erzählte Elke, weshalb ich so plötzlich in Frankfurt auftauchte.
„Hat er dich geschlagen?“, wollte sie wissen.
„Nein, aber ich hatte einfach nur Angst. Und dann hat noch einer angerufen, der sich am Telefon nicht mit Namen meldete und mir einfach sagte: ‚Du Hure, morgen bist du tot.’ Da hab ich einfach meinen Rucksack gepackt und bin zum Bahnhof gefahren. Meine Papiere hatte ich dabei, mein Konto habe ich leer geräumt und alles Geld mitgenommen, in der Firma habe ich angerufen, mein Chef hat mir erst mal zwei Wochen Sonderurlaub gegeben. Salih war nicht da und so konnte ich ungesehen zum Bahnhof verschwinden.“. Wieder begann ich zu weinen, holte tief Luft und verstand einfach die Welt nicht mehr. „Nun bin ich hier und weiß nicht, ob ich das Richtige getan habe. Elke, frag mich nicht warum ich die Scheidung einreichte, frag mich nicht warum ich das alles getan habe – ich weiß es selbst nicht.“ Elke nahm mich in den Arm und hielt mich einfach nur fest, das war für mich das erste mal, das ich das Gefühl von Wärme, Geborgenheit, Vertrauen und Verständnis spürte.
18. Dezember 1996
>Heute ist mein Scheidungsurteil per Post aus Holland angekommen. Ich bin nun offiziell geschieden, wieder in Freiheit, wieder Leben.
Meine Neugier, wie es wohl Salih geht, hält mich an diesem Tag wach, ich kann keinen Schlaf finden. Doch meine Nachtschicht beginnt um zweiundzwanzig Uhr. Monika wird mich wie immer um neun Uhr abholen. Wenn der Schichtwechsel war und alles ruhig ist, werde ich in Rotterdam anrufen. Vielleicht wohnt er noch in unserer Wohnung, vielleicht höre ich Neuigkeiten von Moh, vielleicht finde ich eine Antwort.<
Der erste Ansturm in der Autobahnraststätte war vorüber. Meine erste Pause nutze ich für einen Anruf nach Holland. Nervös tippte ich unsere alte Telefonnummer ein und wartete auf ein Freizeichen. Es klingelte, dann nahm jemand den Hörer ab.
„Ja?“
„Hallo, ich bin’s Yamila.“
„Oh, wie geht es dir? Schön das du dich meldest“, Salih freute sich anscheinend mich zu hören.
„Danke gut“, ich lächelte: „und dir? Wie geht es dir und deiner Familie?“ fragte ich.
„Ja danke, Mutter geht es besser und Vater geht es auch ganz gut. Was machst du so?“
Es folgten die üblichen Floskeln zweier Menschen die sich einst trennten und nun wieder versuchten, wie zivilisierte Menschen miteinander umgehen zu wollen.
Ich erzählte von meinem Job und fragte Salih, ob er immer noch in der Gemüsefabrik am Fließband arbeiten würde. Nach einigem hin und her wagte ich, nach seiner Schwester zu fragen.
„Wie geht es Najet?“
Salih wurde etwas ruhiger und im Hintergrund hörte ich einige Kinderstimmen, ich stutze und fragte:
„Hast du Besuch von Saida und Khalid?“
„Nein, das sind meine Kinder.“
Ich schaute das Telefon an und ohne eine weitere Erklärung abzuwarten legte ich auf. Eine Sintflut von Gefühlen strömte durch meinen Kopf. Ich war geschockt, sauer, gekränkt, erleichtert und zufrieden – alles zur selben Zeit. Ich hatte meine Antwort erhalten, meine Antwort auf die Frage warum ich die Scheidung wollte.
Etwa eine Stunde später war ich wieder fähig etwas gescheites zu sagen und versuchte, Saida in Dortmund zu erreichen. Sie selbst wollte nicht mit mir sprechen, doch Khalid log mich nicht an, er bestätigte mir meinen Verdacht, dass Salih bereits verheiratet war als ich ihn am 19.November 1990 in Frankfurt am Main heiratete. Doch das war mir nicht genug. Ich wollte Klarheit, absolute Klarheit. Und so rief ich auch noch Lisa an, die mittlerweile nach München zu ihrer Oma gezogen war, mit Abdul und den Kindern.
„Ja, es stimmt. Es tut mir so unendlich leid, das ich dir das niemals sagen durfte, doch Abdul hat gesagt, dass er sich scheiden lassen würde, falls ich dir sagen würde, dass Salih Frau und Kinder hat“, erzählte mir Lisa und ich legte auf.
Mohamed wurde von der Familie nach Marokko geschickt, von ihm hat Yamila bis zum heutigen Tag nichts mehr gehört. Sie weiß nicht, ob er noch am Leben ist.
Najet hatte sich scheiden lassen und wurde auf Wunsch ihrer Eltern mit einem Dorfansässigen Taxifahrer verheiratet.
Salih hatte seine vier Kinder und seine Frau, zwei Monate nach der Einreichung der Scheidung nach Holland geholt.
Lisa und Abdul leben glücklich mit den Kindern in München.
Saida und Khalid sind geschieden.
Die einst so stolze und selbstbewusste Yamila ist nur noch ein Schatten Ihrer selbst. Da sie stets aus Respekt ihrem Mann gegenüber auf vieles verzichtete, verlor sie alles. Die Liebe, das Leben und die Hoffnung. Das Kismet lässt sich nicht täuschen, es fordert die Handlung aus reinem Herzen.
Reneè Hawk ©2001