
Hier und da wird gefragt, warum man eigentlich fotografiert. Vielleicht um besondere Augenblicke festzuhalten, um Erinnerungen zu haben, um das Gesicht und/oder das Gefühl nicht zu verlieren? Es gibt tausend Antworten darauf und ein Jeder hat seine eigene. Am beeindruckensten finde ich jedoch, wenn man antwortet: “Weil ich es kann.”
Kann ich es wirklich?
Was ist fotografieren und was bedeutet es für mich?
Ich bilde mir ein, dass ich durchaus fotografieren kann. Die Grundtechniken sind mir mehr als vertraut und ich kann auch - wenn notwendig - mit Fachbegriffen um mich werfen. Das sich Werbeagenturen direkt an mich wenden, um die Bildrechte für ein Viertel eines Bildes zu erwerben, zeigt mir, dass ich in der Fotografie zumindest etwas richtig mache.
Bisher konzentrierte ich mich überwiegend auf Makros und Dinge, die sich nicht (oder selten) bewegen. An Menschen wage ich mich nur sehr selten heran und Hochzeiten zu fotografieren, lehnte ich bereits mehrfach ab.
Ab und zu treffe ich Menschen, deren Tarnung scheinbar nach einer Weile in meiner Gegenwart bröckelt und sich langsam aber sicher der wahre Charakter, bzw. Wesenszug in den Vordergrund schiebt. Und genau diese Personen sind es, die mich reizen zu fotografieren.
Die meiste Zeit verbringt der Mensch auf Arbeit. Und wenn die Branche als Haifischbecken bekannt ist, dann schwimmen in diesem Haifischbecken nicht nur Haie, sondern auch Makrelen, Sardinen, Tintenfische und bestimmt auch der ein oder andere Clownsfisch, Delphin, Thunfisch und vielleicht sogar ein Alaskalachs.
Kannst du mich fotografieren?, wurde ich gefragt.
Sicher kann ich das, ich weiß nur nicht, ob dir das gefällt was ich in dir sehe, gab ich meinem ehemaligen Arbeitskollegen (ein Clownsfisch) zur Antwort.
Andreas wollte es dennoch und so erschien er eines Tages in meinem kleinen, provisorischen “Studio” in Berlin.
Zunächst quasselten wir darüber, was er sich so vorstellt und um eine genauere Vorstellung zu bekommen was er genau möchte, fragte ich auch wofür er die Bilder braucht. Er wolle mal wieder echt gute Bilder von sich haben, Bilder, die zeigen, dass er nicht immer der Clown und Gute-Laune-Bär ist.
Ist nicht einfach, dachte ich mir, denn er ist ein Gute-Laune-Bär und ein Clown. Er bringt jeden zum Lachen und hat extrem viel Humor.
Zunächst erklärte ich ihm, wie das mit dem Licht ist und wo er stehen muss, bzw. in welchem Bereich er sich frei bewegen kann. Und was soll ich sagen? Die ersten Bilder waren sehr humorvoll, spritzig, dynamisch und ich musste zwischendurch immer wieder aufhören zu fotografieren, weil ich ein Lachflash hatte. Es war eine sehr anstrengende erste Stunde, die ich sehr genossen hatte.
Eine Pause war angesagt. Käffchen, Kippchen und die Durchsicht der ersten Bilder.
Witzigerweise stimmte Andreas bei jedem Bild zu und kam aus dem Staunen kaum noch raus, während ich bei jedem zweiten Bild eine harte Kritik an meiner Fotografie äußerte.
Und wie kitzel ich nun seinen wahren Charakter aus ihm heraus? Der sanfte Mensch hinter der Clownsmaske? Die traurige Seele, die so tief verletzt wurde und noch immer am bluten war. Das gebrochene Herz, das nach einem Heilungsprozess rief.
Und dennoch wollte ich nicht seine Stärke untern Tisch fallen lassen.
Ich brauchte unbedingt ein paar Utensilien.
Schwarzer Cowboyhut, ein Glas Whiskey und eine angerauchte Zigarette für einen strikten Nichtraucher.
Nach einer weiteren Stunde hatte ich erneut die Chipkarte voll und wir hatten uns redlich eine Pause verdient.
Bei der Durchsicht der Cowboybilder sagte er dann: Ja, dass bin ich wirklich.
